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Gegen jede Geglaubtheit : Tagebuch 2023


Die Erleuchtung des schwarzen Todes

2.1.2023

Menschen im Internet – Wasser, das man unter Strom gesetzt hat.

3.1.2023

Die grösste Veränderung unserer Sicht auf den Tod ereignete sich im 14. Jahrhundert, genauer im Zeitraum 1347 bis 1352, als die Pest in Europa innerhalb von drei Jahren 25 Millionen Menschen dahinraffte. Angesichts der Leichenberge, die in Städten wie Konstantinopel an Strassenecken verbrannt werden mussten – und da selbst Neugeborene wie die Fliegen starben –, regte sich der Gedanke , dass der Tod nur ein Naturereignis sein könnte und keine Passage in eine höhere Welt. Auf den Tod würde einfach nichts folgen, schon gar keine Begegnung mit Gott. Das Leben war fortan nur noch eine Galgenfrist. Der von Nietzsche erst fünfhundert Jahre später proklamierte Tod Gottes war nur Schlusspunkt eines langsamen Übergangs in den Zustand des Abgestorbenen.

13.1.2023

Es ist klüger aus der Erde heraus zu richten als aus moralischer Höhe.

Bodensätze, statt Grammatik.

14.1.2023

Wenn schon der Umstand, geboren zu sein, für die meisten auf eine zweischneidige Erfahrung hinauslaufen dürfte, – arm geboren zu sein ist fatal.

Die niederträchtigsten Tragödien wurzeln in diesem Sumpf, und sie begleiten uns bis zum letzten Atemzug eines doch irgendwie fragwürdigen Daseins. Zwei arme Menschen, die sich wirklich lieben, sollten sie sich gegenseitig von der Heirat abraten. Sie sollten sich in Liebe trennen, anstatt ihre besten Jahre auf einem sinkenden Schiff zu verbringen. Irgendwann kann man nur die eigene Haut retten oder gemeinsam ertrinken. Innerlich ist man längst getrennter -, von Bitterkeit vernebelter Wege gegangen und hofft, der andere möge den Schlussstrich ziehen –: Doch soviel Liebe bringt keiner mehr für den anderen auf.

19.1.2023

Ein Roman der nirgends anstößt, das heißt keine Anstöße gibt, ist nichts weiter als eine wohl tönende Schönschreibübung unter Oberstudienräten.

27.1.2023

Es gibt einen Zusammenhang zwischen Fantasie und jener Vorfreude, die wir spüren, wenn wir vor einem schönen Mann sitzen – einem Geschenk der Natur, das ausgepackt werden will. Die Klugen lassen es bei der Vorstellung und vermeiden die sich ankündigenden Handgreiflichkeiten (um sich nicht selbst zu enttäuschen).

Wissenschaftler der Loma-Linda-Universität in Kalifornien fanden kürzlich heraus, dass diese Paarungs-Vorfreude an besonderen biochemischen Botenstoffen liegt, stresslindernden Beta-Endorphinen und dem Wachstumshormon HGH, das immer dann ausgeschüttet wird, wenn sich die Liebenden eine „besonders gute Unterhaltung voneinander“ versprechen.

Probandinnen zogen es sogar vor, lieber drei Tage zu warten, anstatt den „biologischen Top-Event“ (Geschlechtsakt) sofort zu erleben. Denn das, was sich der Mensch selbst vorenthält, scheint sein sinnliches Empfinden zu steigern. In der Wartezeit sorgt die Vorfreude für echtes Glück, das dann – wie man oft genug hört – beim ersten Mal leider platzt. Man stellt fest, dass diese sagenumwobene Liebe kaum mehr ist, als ein schnöder Fleischtopf, ein merkwürdiges Hin- und Her-Arrangieren von Gliedmassen – eine Art „Sich-Beackern-lassen“, das uns so einige Alien-mässige Momente beschert. Ernüchtert reicht man sich gegenseitig die Kleenex-Rolle und vermeidet sich in die Augen zu sehen: Der grosse Rausch war in unserem Kopf, die Nacht aller Nächte, der keine Wirklichkeit gerecht werden kann, so sehr man sich auch vielleicht angestrengt hat.

Vielleicht lag es auch daran, dass man sich nicht dabei zusehen konnte, die Perspektive der Beteiligten ist nun mal ziemlich beschränkt Ach, hätten wir nur Abstand gehalten und weiter geträumt …!

20.2.2023

Als der logografisch denkende Maler Kasimir Malewitsch nach einer Phase fortschreitender Desillusionierung Das schwarze Quadrat auf weißem Grund (1915) präsentierte, sprachen Kritiker nicht nur vom „allerabgefeimtesten Trick“ moderner Kunst, sondern auch von einer „Invasion der Rüpel in der Kultur“.

Ähnlich wie von dem (zeitgleichen) Experiment der Lebensreformer, fühlten sie sich von der radikalen Sichtweise das Malers auf ihr großbürgerliches Dasein bedroht. Da gab es nichts beschauliches mehr, keine Erlösungsphantasie, kein rettendes Ufer. Dieser furchterregende Anblick war Realität. Wer mit der Bezeichnung „personifiziertes Nichts“ gemeint war – Künstler oder Werk – ließen sie offen. Über zwei Jahrzehnte stemmten sich dann Heerscharen von Verteidigern des vermeintlich Wahren, Guten und Schönen gegen die Austrocknung ihrer geliebten, metaphysischen Quellen, doch dem „hässlichen, breiten Strom der Ernüchterung[1]“ hatten sie am Ende des II. Weltkriegs nichts mehr entgegenzusetzen. Das schwarze Quadrat war zur Pupille des bis auf die Knochen ernüchterten Menschen geworden.

Arthur C. Clarke, der die Vorlage zu Kubricks 2001 lieferte, transponierte Malewitschs Quadrat in die popkulturelle Dimension des utopischen Films. Er übersetzte das zweidimensionale Gemälde in die Plastik (ein schwarzer Monolith) und zum Symbol einer kosmischen Religion, die auf eine Befriedung der Erde abzielte – ein „frommer“ Wunsch, der nie Wirklichkeit werden kann. Malewitschs Original zeigt das schwarze Nichts am Ende des menschlichen Lebens und zerstört jegliche esoterischen Wahnvorstellungen, die heute als Grundlage von Schneeballsystemen des Glaubens (Islam, Christentum etc.) dienen. Die westliche „Gesellschaft“ hätte dem Einzelnen nichts mehr zu bieten, das Konsumieren als Sinn und Zweck menschlichen Lebens würde als Option aufhören zu bestehen.


[1] Hans Pfitzner, „Über musikalische Inspiration“, Fürstner-Verlag, 1940

27.2.2023

Kürzlich fiel mir auf, mein Hund sieht genauso aus wie der von Edwin Henry Landseer. Vielleicht liegt es auch daran, dass beide Pfeifenraucher sind.

Zur Erklärung: Arjen hat sich wieder mal an meiner Wasserpfeife bedient. Der Schlauch ist hinüber. Merke: In einem Zimmer mit Hund ist alles, was sich in Bodennähe befindet, gefährdet. Muss jetzt extra nach Locarno fahren um einen neuen zu kaufen.

28.2.2023

Die Dinge, über die man sich ernsthaft Sorgen machen sollte, sind Dinge, an die man bisher nicht gedacht hat. Sie können uns wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel erwischen.

1.3.2023

Alles was uns wirklich maßlos erschreckt, ist tief in unserem Alltag verwurzelt: Lovecraft hat im Grunde genommen immer nur eine große schreckliche Schüssel mit Fruiti de la Mare beschrieben. Und was unterscheidet Gigers Monster von einer Badezimmerarmatur, die sich uns als Parasit und Untermieter zu erkennen gegeben hat?  Es ist nicht ausschliessen, dass sie uns innerhalb der nächsten zehn Minuten lebendig einspeicheln wird.

6.3.2023

Die Notwendigkeit für eine neue Form des religiösen Bewusstseins auf dieser fiebernden Welt hat niemand besser formuliert als der Yale-Professor Gus Speth: „Früher dachte ich, die größten Umweltprobleme seien der Verlust der Artenvielfalt, der Kollaps des Ökosystems und der Klimawandel. Ich hatte gehofft, 30 Jahre solide Wissenschaft könnten diese Probleme lösen. Ich habe mich geirrt. Die größten Umweltprobleme sind Egoismus, Gier und Apathie … um damit fertig zu werden, brauchen wir eine spirituelle und kulturelle Transformation. Wir Wissenschaftler wissen nicht, wie man das macht.“ Umgekehrt bleibt festzustellen, dass auch die Kulturschaffenden nicht wissen wie man das macht. Hier wäre eine Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft gefragt, die es bis heute nicht gibt.

12.3.2023

Es gibt keinen demütigeren Menschen als den abgeklärten Häretiker. Wenn wir dann einerseits eine Schöpfungskraft anerkennen, doch sämtliche so genannte Weltreligionen als ausgemachten Schwindel erkennen, das Beten für überflüssig erklären, dann ist das nur eine Empfehlung und die Frucht von Dehydrierungen unseres Geistes. Die Frage ist heute wie entstaubt man das sichere Wissen um eine vieleinige-vielspältige Vielheit, deren schöpferische Kraft jeder von uns in sich fühlt? Der Agnostiker irrt, wenn er glaubt, unsere Sinne reichten nicht aus die Schöpfungskraft zu erkennen. Doch wie befreien wir die real existierende Kraft von der naiven Malerei, unter der sich die Erkenntnis verbirgt, wie trennen wir sie von den unsäglichen Huren- und Hirtengeschichten des Vorderen Orients? Wie entmenschlichen wir sie, wie vermeiden wir es sie mit selbst fabrizierten Namen zu nennen?

Die wirkliche Einsicht? Mit seinem Tod erstattet man der Schöpfung, die Handvoll Staub, die man war, zurück. Alle grossspurigen Überzeugungen, Ansichten und Auffassungen – warum wir gehen müssen und was danach kommt – lassen wir im Moment des Todes zurück. Der Jahrmarkt der Religionsgaukler hatte nie etwas mit uns zu tun.

13.3.2023

Von Heraklit hiess es, er habe zuletzt nur noch einmal im Jahr gesprochen. Das hilft auf alle Fälle dabei sich nicht zu verquatschen.

14.3.2023

Der tiefe Fall der Credit Suisse beweist mir zuletzt, dass ich die Rolle der Banken in der Schweiz immer schon richtig eingeschätzt habe: Gefährlicher als Privatarmeen und die Mafia zusammen, bleibt es ihre vornehmste Aufgabe unser Volk so lange zu berauben, bis es obdachlos ist. Geistig obdachlos ist es schon lange, nun soll es sich diesem Zustand im materiellen Sinn anpassen.

17.3.2023

Alles Schreiben dreht sich im Grunde um die Unmöglichkeit den Leichnam als Endprodukt des Lebens anzuerkennen. Es ist ein Versuch, diese letzte Demütigung durch den Gottteufel abzuwenden. Man könnte selbst seine vornehmsten und tadellosesten Formen eine Trotzreaktion gegen die Auflösung nennen; der Geist versucht sich in einem nicht biochemischen Medium festzusetzen um zu überdauern.

20.2.2023

Wir haben Wölfe im Maggiatal. Ein stattliches Tier wurde offenbar in mindestens drei Dörfern auf offener Straße gesehen. Um ehrlich zu sein, die meisten, die hier leben, wissen seit Jahren, dass es im Val Onsernone ein ganzes Wolfsrudel gibt. Rucksack-Touristen mit Kinderlein im Gepäck dürfen davon natürlich nichts wissen. Auch nicht, dass sich die „Risse“ des Wolfs in den letzten Jahren verzehnfacht haben. Man muss nicht die Freundin mit der Kristallkugel bemühen, um vorherzusagen, dass es in absehbarer Zeit einen Menschen erwischt. Überreste einer Wolfsmahlzeit hatte ich letztes Jahr auf einem Spaziergang in der Nähe der Schutzhütte «Corte Nuovo» bemerkt und abfotografiert.

23.3.2023

Sterbliche Körper, sterbliche Seelen – logisch, oder? Und genau hier setzt das Christentum an, es tröstet die, welche sich um ihr Ich prellen liessen, – und die einmalige Chance zu leben – über die tragischen Konsequenzen hinweg.

2.4.2023

Es ist nicht allzu bekannt, dass es schon einmal in Deutschland neu-heidnisch genannte Bestrebungen gab die Konfessionen abzuschaffen und die Kirchen zu schleifen. An ihrer Stelle hatte man Planetarien – also „Sternwarten“ – erbaut.

Der religiös motivierte Besuch von Observatorien könnte ein Weg sein, den alten paternalistischen Gottesbegriff endlich loszuwerden und eine Repräsentanz der real existierenden Schöpfungskraft zu entwickeln. Was sind alle Kirchenfenster der Welt, verglichen mit der farbenprächtigen Weite des Alls? Ich hatte 2007 – erstmals in meinem Leben – die Gelegenheit (anlässlich einer Besichtigung des Astrophysischen Observatoriums Roque de los Muchachos auf La Palma) einen Blick durch eines dieser Riesen-Teleskope zu werfen und erinnere mich heute noch an das Gefühl, das ich hatte: ES existiert wirklich … vieleinig, vielspältig und doch in vollkommener Harmonie.

Die Idee, diesen Eindruck von einer kosmischen Ordnung mit den bekannten, anthropomorphen Götzenbildern der Menschen zu verbinden, ist mir seitdem nicht mehr gekommen.

4. 4. 2023

Überrasche deinen Nachbarn niemals als Pferdegespenst. Er könnte einen Herzstillstand erleiden.

1.4.2023

Als ob der Tod für den Atheisten keine Rolle spiele, ­ ­– weil ja danach nichts mehr kommt, weil es zu Ende ist ecetera, ecetera. Das Gegenteil ist der Fall: Wer tatsächlich im Bewußtsein des eigenen, irreversiblen Ende lebt, für den ist die Tatsache des Todes Lebensantrieb und Richtschnur.

11.4.2023

Meine Mutter hat für meine Beerdigung keine Vorkehrungen getroffen, nicht einmal für die Eigene hatte sie vorgesorgt. Die Asche meines Vaters ließ sie auf einer „freien Wiese“ verstreuen. Er habe es so gewollt. Dort finden sich heute vielleicht immer noch ein paar Moleküle von ihm, im Schatten uralter Bäume. Gewan III b, dort hätte er eigentlich liegen sollen, in einem Reihengrab unter einer grauen, rechteckigen Platte, aber wir hatten kein Geld. Nur mühsam gelang es mir die liebende Witwe zu überreden von einer normalen Beisetzung abzusehen.
Meine Beerdigung ist auch nicht geregelt, und ich hoffe, dass ich der Gemeinde mit meiner Leiche nicht zur Last fallen werde. Im Krieg ist vieles einfacher: Benzin drüber und abfackeln. leider geht das in Friedenszeiten nicht, da hat alles seinen Preis.

19.4.2023

Gerade erreicht mich die Vorschau meines Romans! Harmlos-lustiger Text: „Ein auf Kirchenraub spezialisiertes Gangsterpärchen muss sich in dieser Frage einer bitterkalten Winternacht stellen…“ Trallala. Ich vermute mal, dass meine Leserinnen, – die verwundeten Seelen, auf die es mir ankommt, – schnell merken werden, dass der Roman viel mehr ist als nur Unterhaltung. Ich habe mir den Schmerz von der Seele geschrieben. Vergesst nicht, dass ich euch liebe.

20.4.2023

Dann ist er da, dein letzter Moment – und siehe da, kaum etwas in deinem Leben war wichtig, der Rede wert, du hast dich umsonst aufgeregt, Kindchen, wirklich umsonst, und gleich ist es vorbei: Ein Händedruck, ein letzter Blick, ein allerletztes Atemholen in klammen Laken, der Körper kämpft noch zum Schein, das Herz hämmert seine letzten Schläge ins Elektrokardiogramm… Letzte Gedanken: Wir hätten uns mehr erfreuen sollen, mehr lieben sollen, solange wir lebten, mehr reisen, mehr dies und mehr das, et cetera, et cetera. Der übliche Quark. Man hat es sein lassen, weil es doch nicht bedeutet hätte. und nunist er da, der letzte Moment. Wie ein Film ohne Abspann, ohne Credits, ohne erbauliche Musik entlässt uns die biologische Basis wieder ins Nichts. Wir waren da – aber waren wir das? Mancher wird sagen, da war etwas gewesen – die meisten aber haben uns nie gekannt. Niemand wird mir auch nur eine Träne nachweinen.

23.4.2023

Vergesst es – ihr werdet auch nach dem Tod kein Wort mit dem lieben Gott wechseln; was immer ihr fragen wolltet, es hat sich erledigt.

Glaubt nicht mir, sondern den Würmern.

25.4.2023

Die Zukunft gehörte schon immer den Ärmsten, den Mittellosen, den Überflüssigen, da in der Wirklichkeit kein Platz für sie ist.

26.4.2023

Alles – auch die relative Unsterblichkeit-  wird in absehbarer  Zeit eine Frage des Geldes.  Die Kluft zwischen Arm und Reich, wird in wenigen Jahren so groß sein wie Kluft zwischen Göttern und gewöhnlichen Sterblichen der Antike. 
Die Ablösung unserer demokratischen Gesellschaftsform durch eine auf genetisch  fundierten qualitativen Unterschieden aufgebauten Technokratie ist mit der Privatisierung des menschlichen Genoms bereits im vollem Gange.

Der Überlebenstraum der Zukunft heißt den Preis der Celera Corporation zu bezahlen: Die Armen sollen auch in Zukunft sterben, die Reichen bleiben – dank eines inhumanen Fortschritts – am ewigen Leben.

17. 7. 2023

Foto: Watson, Userinput

Es brennt oberhalb von Bitsch, wo ich früher mal ein paar Jahre wohnte. Noch vor ein paar Tagen hatte ich dort eine alte Schulfreundin besucht und alles war so wie immer, fast so als wäre die Zeit stehengeblieben. Nun heisst es, die Schweizer Armee habe Oberried evakuiert. Mitten in der Nacht. Ich kenne die Massaschlucht, den Hohflüewald – und den Oberriedwald, wo es brennt – ziemlich gut, bin da jahrelang mit dem Hund rausgegangen. Kaum vorstellbar, dass es dort in ein paar Tagen wie nach einem Bombenangriff aussehen wird. Die Natur macht keine halben Sachen, wenn es ums Abholzen geht. Soweit ich mich erinnern kann, ist es der zweite grosse Waldbrand im Wallis. Der andere ereignete sich vor 20 Jahren in der Nähe von Leuk. Der Berg gegenüber war noch jahrelang von einer dicken Ascheschicht bedeckt. Inzwischen hat sich die Vegetation wieder erholt, man muss schon genau hinsehen, um noch Spuren der Feuerbrunst zu erkennen. Vielleicht sollte ich meinen nächsten Roman mit L. und Jorne mitten in einem brennenden Wald anfangen lassen.

Foto: Dennis Balihouse, Reuters

18. 7. 2023

Habe gerade mit meiner Freundin telefoniert: Die Helis der Air Zermatt sind 12 Stunden später noch immer im Einsatz. Sie liess mich das Rotorengeräusch am Telefon hören. Die Armee ist auch noch vor Ort. Selbst in Brig rieche es auf der Straße „wie am offenen Kamin“, ihre Kinder freuen sich jetzt schon auf Weihnachten. Ich frage mich, ob ich mich gleich in den Zug setzen soll, aber mir fehlt die Lust am Katastrophentourismus.

25. 7. 2023

Mein Verleger Herr Christian Strasser vom Europa Verlag hat mir geschrieben. Seit heute liegt die Erstausgabe von „Kreuzschmerzen“ vor. Ich kann es noch gar nicht fassen. An dieser Stelle herzlichen Dank an meine Lektorin Silwen Randebrock:

Silwen, du bist die Beste.


[1] In Anlehnung an Horst Seehofer :“Diejenigen, die entscheiden, sind nicht gewählt, und diejenigen, die gewählt werden, haben nichts zu entscheiden.“, 20.5.2010

[2] Gravitation, elektromagnetische Wechselwirkung, schwacheWechselwirkung (Betaradioaktivität), starke Wechselwirkung (Kernkraft)

  1. 8. 2023

Die „Blumen des Bösen“, ich liebe diese Farben. Genau mein Style.

6. 8. 2023

Es liegt ein stilles, auf milde Weise erfüllendes Glück im persönlichen Verbrauch, das mir jedes Mal  bewusst wird, wenn ich einen 35-Liter-Müllsack zur Tonne trage: So, das wäre auch abgelebt und wurde von mir verdaut und zu Gedanken fermentiert. VERDAUEN & DENKEN, das wäre doch mal ein Buchtitel, oder? Mehr habe ich die letzten Jahre eigentlich nicht getan. Manchmal denke ich, würden Arme keine Kinder in die Welt setzen, die Welt wäre schlagartig erlöst. Die meisten Verbrechen wurzeln in der materiellen Not armer Menschen. Geld hilft. Dass es so ist, beweist die Habgier der Pfaffen, die über Jahrhunderte ein unschätzbares Vermögen zusammengestohlen haben. Hier muss sich niemand sorgen über die Runden zu kommen, das Kapital, auf dem die Schwarzröcke sitzen, ist alles, an was sie glauben.

9. 8. 2023

In Urlaub bis 1.9. Wünsche allen meinen Lesern eine gute Zeit.

30. 9. 2023

Zurück aus einem verlängerten Urlaub an der Riviera, lese ich mit stiller Freude, dass die Walliser Staatsanwaltschaft ein Vorverfahren gegen die christ-katholische Kirche unter Bischoff Jean-Marie Lovey eingeleitet hat.

• Insgesamt wurden 1002 Fälle, 510 Beschuldigte und 921 Betroffene identifiziert.
• 56 Prozent der Opfer waren männlich.
• 39 Prozent der Opfer waren weiblich.
• Bei fünf Prozent liess sich das Geschlecht nicht eindeutig feststellen.
• In 74 Prozent der Fälle waren die Opfer minderjährig.
• In 14 Prozent der Fälle waren die Opfer erwachsen.
• In zwölf Prozent der Fälle war das Alter nicht eindeutig feststellbar.
• Die Beschuldigten waren bis auf wenige Ausnahmen Männer.

Der Abt von Saint-Maurice, Jean Scarcella, hat bereits sein lässt Amt ruhen lassen, doch dadurch gehen ihm keinerlei Bezüge verloren. Wenn also irgendein Kinderschänder sein „Amt ruhen lässt“, erhält er weiterhin seinen vollen Priesterlohn, Auch Lovey kündigte bereits einen dementsprechenden Schritt an, er werde sich „zurückziehen, wenn die Untersuchung ihn belasten sollte“. Dass ich nicht lache. Was so ehrenhaft klingt, weist bereits jede Schuld von sich. Schuld haben immer die anderen. Finanzielle Einbussen gibt es für die Schwarzröcke nicht, sie halten zusammen wie Pech und Schwefel, sind eben eine typische Männerorganisation.

Der Bischof muss um seine üppigen Bezüge und Boni nicht bangen.

5. 10. 2023

Da schläft er, der kleiner Racker. Nach einem langen Abendspaziergang war Arjen zum ersten Mal seit Monaten „fix und foxy“.

29.11.2023

Der Bund hat dem Abschuss von zwölf Wolfsrudeln zugestimmt – das im Tessiner Onsernonetal darf aber bleiben. Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich eine gute Nachricht ist. Schließlich haben die Tiere Hunger und der Winter ist bereits mit Macht ins Haus gefallen. Ich kenne niemanden hier aus der Gegend, der bei diesem Wetter & alleine einen Ausflug ins Onsernonetal machen würde. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

30.11.2023

Wenn das stimmt, was mir mein Verleger heute schreibt, dann ist „Kreuzschmerzen“ auf der Krimibestenliste vom Deutschlandfunk gelandet. Ich glaube das allerdings erst, wenn die Liste online steht. Das wäre natürlich ein unfassbares Glück, denn ich habe ja überhaupt keine „Conections“ und schreibe eigentlich eher für mich.

Das Wetter ist grässlich, und ich fahre jetzt besser mal schnell nach Hause. Ideales Schreibtwetter. Mal sehen.

2.12.2023

Ich weiß nicht, was ich schreiben soll. Eine Nachbarin klopfte heute morgen an mein Fenster und zeigte mir eine Besprechung von „Kreuzschmerzen“ in der „Tessiner Zeitung“, Überschrift: „Ist Gott wirklich tot oder tut er nur so?“. Und ja, gestern konnte man es online nachlesen. „Kreuzschmerzen“ ist auf Platz 4 der Krimibestenliste gelandet. Im Wallis dagegen scheint man den Roman übersehen zu müssen, vielleicht weil der Bischof von Unsitten es so will. Was soll’s. Ich habe nicht erwartet, dass mein Roman mal auf irgendeiner Liste auftauchen würde. Was mich freuen würde, wenn mehr und mehr Leserinnen verstehen, was ich mit dem Roman ausdrücken wollte. Ich gehe jetzt mit dem Hund raus um mal Luft zu schnappen. Das Wetter ist besser geworden, oder ist es das Licht vom Ende des Tunnels?

23.12. 2023

Seit Tagen höre ich wieder Abyss von Chelsea Wolfe. Es liegt bestimmt nicht am Wetter, das uns heute den wärmsten Tag im Tessin beschert hat:: + 22 Celsius.. Eigentlich möchte ich nicht darüber schreiben, aber es macht mich fassungslos, was für einen Quatsch bestimmte Journalisten über mich schreiben. Was soll das? Mein Verleger ist bis 10.1. auf Sri Lanka, danach will er sich bei mir melden. Ob ich das aushalte? Glücklicherweise hänge ich nicht wie viele meiner Freunde ununterbrochen am Netz.

27.12.2023

Eine Leserin schrieb mir gestern, der LaRue in „Kreuzschmerzen“ habe sie an diesen Erzbösewicht aus der Walliser Sage „Ritter Goldbart“ erinnert. Jetzt stehen vielleicht einige auf dem Schlauch, aber in der Tat – Ritter Goldbart war ein Mädchenmörder und sein Jagdrevier lag im Vispertal. Wahrscheinlich ist er der Pate aller Mädchenmörder schlechthin, und nicht der Blaubart. Der Sage nach ritt Goldbart ein prächtiges, schwarzes Pferd und verdrehte jungen Edel-Fräuleins den Kopf. Mit schönen Worten lockte er sie in einen nahegelegenen Wald, wo er sie dann erhängte. Tatsächlich kannte ich dieses Märchen und zwar aus den „Walliser Sagen“ vom Johann Jegerlehner. Ich hatte die Geschichte wohl mehr als zwanzig Jahre lang in meinem Unterbewusstsein verkramt.
Da ich nicht an Zufälle glaube, gehe ich heute davon aus, dass mir der Ritter beim Schreiben ein bisschen über die Schulter zugeschaut hat. (Ein Phantom mehr oder weniger in meinem Leben, na und?) Der blonde Eisblumen-Sammler Thierry LaRue, der seine weiblichen Opfer in „Kreuzschmerzen“ nackt aufknüpft um sie zappeln zu sehen, dürfte ein würdiger Nachkomme sein. Schweizer Literaturwissenschaftler wird diese Referenz allerdings nicht interessieren; alles, was schweizerisch ist, wird in diesen Kreisen sowieso nur mit einem Naserümpfen bedacht. Unten ein Auszug aus „Kreuzschmerzen“, wo L. in den Genuss einer rauschenden Seilnacht im Pfynwald kommt. Nichts für zarte Seelen:

»Flieg, Sargvögelchen, flieg!« LaRues Stimme rasselte aus den Bordlautsprechern – der Frigo hatte sich rückwärts in Bewegung gesetzt. »Auf geht’s ins luftige Grab … Immerhin, da liegt man nicht eng
Das Seil über L. straffte sich mit einem Ruck. Sie verlor den Boden unter den Füssen. Ein paar Mal trat sie wild ins Leere. Da sie den Kopf einzog, rutschte ihr die Schlinge schräg übers Kinn. Das Geäst über ihr begann sich zu drehen, ein Glutstrom staute sich in ihren Schläfen.
Hattest du dir nicht immer schon sehnlichst gewünscht, die Erde unter dir versinken zu sehen?
Noch immer ging es aufwärts. Funkensprühende Riesenräder tanzten vor ihren Augen, der Wald um sie herum zerfiel wie die Facetten eines beschlagenen Gyroskops. Anderthalb Meter über dem Boden schwebend, waren L.s Muskeln jetzt zum Zerreißen gespannt, die ersten Stauungen in Leber, Milz und Nieren bereiteten ihr unerträgliche Schmerzen.
Tränen schossen ihr in die Augen, sie schmeckte Salz …
Bitter, bitter, dachte sie noch. Ihre Zunge stieß Schaum an den Lippenrand, denn das Seil presste allen Speichel aus ihrer abgeschnürten Kehle.
»Ich werde nie nachvollziehen können, warum Frauen mehr am Leben hängen als Männer. Haben sie vielleicht doch das größere Ego?« LaRue hatte den Bordlautsprecher maximal aufgedreht. »Lass doch einfach los, dann ist es so, als ob jemand den Stecker rauszieht.«
L. fühlte ihren kolossal hämmernden Puls. Sie zog den Hals weiter ein, spürte, wie sich ihr Kinn ins Brustbein bohrte und wie sich ihre Zehen fingergleich streckten. Alle Sehnen in ihrem Körper waren gespannt. Noch verweigerten sie sich dem, was früher oder später eintreten musste. Ihr Schweben zwischen Leben-Wollen und Nicht-leben-Können geriet allmählich ins Ungleichgewicht. Sie wollte nicht sterben und doch taumelte sie bei vollem Bewusstsein der letzten Sekunde entgegen.
Das Hämmern in ihren Schläfen hatte die Eingeweide erreicht. Im Schüttelkrampf ruckte ihr Kopf hin und her, ihre Brüste waren längst zu rosa-fleckigem Marmor erstarrt.
Jetzt strampelte sie aus Leibeskräften. Kling, Glöckchen …
Unter der pulsierenden Siedehitze des Schmerzes löste sich ihre letzte Widerstandskraft auf und sie ließ Wasser – absurd, aber in diesem Moment konnte sie den Strahl unter sich sehen.
Trotz der Schmerzen in ihrer Kehle konnte sie sich durchaus vorstellen, was für einen jämmerlichen Anblick sie bot. Die Vorstellung, dass sich der Nekrophile daran ergötzte, trieb sie zu tobsüchtigen Zuckungen, die ihr hoffentlich das Genick brechen würden.

Ende des Auszugs.

31.12.

Spät nachts knallen ein paar Idioten in unserem Dorf. Zwei Schlaftabletten, so geht es ins neue Jahr, von dem ich nicht das Geringste erwarte, Eigentlich war es nie anders,:Die Finsternis, die heute Nacht hier im Maggiatal herrscht hat etwas Endgültiges und ich kann nicht sagen, dass mich das stört.

HINWEIS: SIE LASEN GERADE UNVERÖFFENTLICHTES MATERIAL. DIE TEXTE SIND GOTTLOB NICHT IN LASSANDERS ROMAN „KREUZSCHMERZEN“ ENTHALTEN.